WENN DER SOMMER SCHWER WIRD
Mentale Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in der heißen Jahreszeit


Das Eis schmilzt, die Nächte sind kurz – und während Erwachsene vom Urlaub träumen, sitzen viele Kinder und Jugendliche in aufgeheizten Wohnungen, scrollen durch endlose Feeds oder wissen schlicht nicht, wohin mit sich. Sommer gilt als Zeit der Leichtigkeit, doch für viele junge Menschen bringt er auch Stress, Überforderung und stille Krisen mit sich. Hier erfährst du, welche mentalen Herausforderungen für Kinder und Jugendliche entstehen können und wie du sie dabei unterstützen kannst.
1. Hitze in Körper und Kopf
Hohe Temperaturen beeinflussen nicht nur den Körper, sondern auch die Psyche. Studien von 2024 zeigen, dass Hitze mit erhöhter Reizbarkeit, Konzentrationsproblemen und sogar aggressiverem Verhalten einhergehen kann. Klingt logisch: Wenn der Körper stark belastet ist, bleibt wenig Energie und Geduld für andere Auseinandersetzungen. Kinder und Jugendliche reagieren besonders sensibel, da ihre Thermoregulation weniger stabil ist und sie emotionale Zustände oft noch schwer regulieren können.
In urbanen Räumen verstärkt sich dieser Effekt durch sogenannte „Hitzeinseln“ – dicht verbaute Bezirke, in denen sich Wärme staut. Schlafprobleme, Erschöpfung und Gereiztheit sind häufige Folgen.
Was konkret hilft:
- Kühle Rückzugsorte nutzen: Büchereien, Museen oder Einkaufszentren bieten klimatisierte Räume.
- Wasser und Bewegung: Regelmäßige Trinkpausen und leichte Bewegung (z. B. im Schatten oder am Wasser). In Wien bieten sich die vielen Schwimmbäder für eine Abkühlung an oder – für gute Schwimmer:innen – ein Tag an der Donau.
- Die Stadt Wien bietet zudem „Coole Zonen“ (öffentlich zugängliche, klimatisierte Räume) sowie Informationen über kühle Orte in der Stadt.
2. Langeweile als Lernchance
„Mir ist langweilig“ – ein Satz, der im Sommer häufig fällt. Für viele Erwachsene klingt das nach einem Luxus-Problem – wie oft haben wir schon die Möglichkeit, uns einfach hinzusetzen, oder an eine von fünf To-Do-Listen zu denken. Dabei ist Langeweile ein wichtiger Entwicklungsraum – sowohl für Kinder als auch für Erwachsene. Sie fördert Kreativität, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit, eigene Interessen zu entdecken.
Doch ohne Begleitung kippt Langeweile schnell in passiven Medienkonsum. Stundenlanges Scrollen kann Schlaf, Stimmung und Selbstbild negativ beeinflussen – insbesondere bei Jugendlichen.
Was konkret hilft:
- Akzeptieren und benennen. Benenne das Gefühl “Langeweile”, ohne sofort eine Lösung dafür zu suchen. Wenn Kinder und Jugendliche lernen, Langeweile auszuhalten, kommt Kreativität oft ganz von alleine.
- Entwickle gemeinsam mit Kindern eine “Ideen-Box”, also eine Liste von möglichen Aktivitäten.
- Begleite den Medienkomsum bewusst. Vereinbart klare Zeiten, wann das Handy genutzt werden darf – und auch wofür.
- Angebote in Wien
- Sommer-Leseaktion der Wiener Büchereien (z. B. Leseralleys, Challenges).
- WienXtra-Ferienspiel: Kostenlose und günstige Aktivitäten in ganz Wien.
- Wiener Jugendzentren: Offene Treffpunkte mit kreativen Programmen.
- Diesen Sommer das erste Mal: JugendTalk 2026 – kostenlos & für alle die etwas zu sagen haben!
3. Sommerdepression: Wenn die Leichtigkeit ausbleibt
Während viele den Sommer als glücklichste Zeit erleben, fühlen sich manche Jugendliche besonders isoliert. Der Vergleichsdruck steigt („Alle anderen sind unterwegs“), Routinen fallen weg, soziale Kontakte verändern sich.
Typische Anzeichen können sein:
- Anhaltende Niedergeschlagenheit oder Reizbarkeit
- Rückzug von Freund:innen
- Schlafprobleme oder extreme Müdigkeit
- Interessenverlust
Gerade im Sommer werden solche Symptome oft übersehen, weil sie nicht ins Bild der unbeschwerten Ferienzeit passen. Vor allem, wenn diese Anzeichen über mehrere Wochen anhalten, sollte man sich Unterstützung holen.
Was konkret hilft:
- Zeig Interesse und starte offene Gespräche, ohne die Situation zu bewerten.
- Unterstützte dabei, Struktur und Erfolgserlebnisse im Alltag schaffen. Das funktioniert am besten, indem kleine Ziele gesetzt und erfüllt werden (z.B. Spaziergang um den Block, Bett machen, mit Freund:innen treffen). Noch besser funktioniert das, wenn diese Ziele visualisiert und aufgeschrieben werden.
- Fördere soziale Kontakte und ermögliche niederschwellige Treffen. Schlage dabei am besten gleich einen konkreten Ort und Uhrzeit vor. Dies verringert die Hemmschwelle, da die betroffene Person nicht erst alles organisieren muss.
- Professionelle Hilfe einbeziehen:
- Rat auf Draht (147): Rund um die Uhr, anonym und kostenlos.
- Schulpsychologischer Dienst Wien (auch in den Ferien eingeschränkt erreichbar).
- Online-Angebote wie feel-ok.at oder Jugendliche-selbsthilfe.at.
4. Digitale Welten bieten Connection
Der Sommer bedeutet oft mehr Bildschirmzeit. Digitale Räume können verbinden – aber auch überfordern, vor allem wenn sie unreflektiert genutzt werden. Social Media kann den Vergleichsdruck stärken und für mehr Schlafprobleme und Stress sorgen. Deshalb ist ein bewusster Umgang und eine regelmäßige Reflexion der konsumierten Medien wichtig. Apps we “be present” helfen, Bildschirmzeiten im Auge zu behalten und zu reduzieren.
Was konkret hilft:
- Gemeinsame Medienregeln entwickeln statt Handy-Nutzung komplett zu verbieten.
- Offline-Alternativen stärken (Sport, kreative Projekte, Treffen mit Freund:innen).
- Gespräche über Social Media führen: Welche Inhalte siehst du auf Social Media? Welche Reaktionen löst das in dir aus?
Die Rolle von Erwachsenen: Begleiten statt steuern
Für Lehrpersonen, Sozialarbeiter:innen, Eltern und andere Bezugspersonen liegt die Herausforderung darin, präsent zu bleiben, ohne zu kontrollieren. Der Sommer ist eine Chance, Beziehungen zu stärken, Kreativität zu fördern und neue Zugänge zu schaffen.
Konkrete Ansätze:
- Zuhören ist oft wichtiger, als auf Regeln oder Prinzipien zu pochen. So erkennst du versteckte Sorgen oder Bedürfnisse und kannst besser darauf eingehen.
- Mache Ressourcen sichtbar: Was kann das Kind gut? Wo erlebt es Selbstwirksamkeit?
- Nutze Kooperationen und Angebote: Viele Programme für Kinder und Jugendliche sind kostenlos und sollen genutzt werden. Und wenn Social Media schon genutzt wird, dann gerne auch für die Recherche dieser Angebote (Für Wien relevante TikTok-Kanäle sind u.a. stadtwien, frishwienxtra, wienerjugendzentren, 1000thingsinvienna.)
- Kleine Interventionen sind oft wirksamer als große Konzepte.
