
Bild von Luke Jones auf unsplash
Immer mehr junge Erwachsene nutzen KI-Chatbots, um über Stress, Ängste oder persönliche Probleme zu sprechen. Das zeigt nicht nur unsere persönliche Recherche, sondern auch große europäische Studien. Doch was bedeutet das für die psychische Gesundheit? Und wie können wir KI sinnvoll und sicher nutzen? Wir zeigen hier sowohl Chancen als auch Risiken auf und erklären, warum gerade jetzt digitale Kompetenz und kritisches Denken so wichtig sind.
Hohe Nutzung, aber wenig Sicherheit
Für einen Erasmus+-Antrag haben wir 43 junge Erwachsene zwischen 18 und 25 Jahren aus Österreich und Rumänien befragt. Die Ergebnisse sind eindrücklich: 95 % kennen generative KI-Tools wie ChatGPT, 75 % nutzen textbasierte KI aktiv und über die Hälfte verwendet KI-gesteuerte Social-Media-Features. Besonders auffällig ist, dass 30 % der Befragten regelmäßig KI zur emotionalen Unterstützung nutzen, wenn sie gestresst oder überfordert sind. Gleichzeitig fühlen sich viele unsicher: Nur 17 % sind sich sicher, dass sie KI-Informationen auf Richtigkeit prüfen können. Fast die Hälfte beschreibt den Einfluss von KI auf ihr Wohlbefinden als gemischt oder unsicher. Viele nennen Überforderung durch Informationsflut, Vergleich mit KI-generierten Bildern und Zweifel an der Genauigkeit der Inhalte. Diese Daten sind natürlich nicht repräsentativ. Sie zeigen aber Trends in unserer Zielgruppe – und passen zu dem, was auch größere Studien in Europa beobachten.
Europäische Trends: Fast jede:r Zweite spricht mit KI über Persönliches
Eine aktuelle Umfrage mit 3.800 Jugendlichen zwischen 11 und 25 Jahren aus Frankreich, Deutschland, Schweden und Irland zeigt ähnliche Muster. Fast die Hälfte der Befragten nutzt KI, um über persönliche oder intime Themen zu sprechen. 51 % finden es einfacher, mit einem Chatbot über mentale Gesundheit zu reden als mit Psycholog:innen (nur 37 %). Ein Drittel betrachtet KI in manchen Situationen sogar als Therapeut:in. Auch in Italien gaben 42 % der Befragten zwischen 13 und 19 Jahren an, KI zu nutzen, wenn sie traurig sind, sich ängstlich fühlen oder Hilfe bei wichtigen Entscheidungen brauchen. Diese Zahlen unterstreichen, dass KI für viele junge Menschen längst mehr ist als ein Werkzeug. Sie wird zum Ratgeber, manchmal sogar zum Ersatz für menschliche Gespräche.
Wo die KI wirklich helfen kann
Die Nutzung von KI ist nicht per se schlecht für unsere mentale Gesundheit. KI-gestützte Angebote bringen viel Potenzial mit sich – besonders dort, wo Versorgungslücken klaffen. KI-Chatbots sind rund um die Uhr verfügbar, anonym und oft kostenlos. Sie können Menschen erreichen, die aus Scham oder zu hohen Kosten keine Therapie aufsuchen. Studien zeigen kleine bis moderate Effekte bei der Reduktion von Depressionen, Ängsten und Stress durch KI-Chatbots, besonders wenn sie auf kognitiver Verhaltenstherapie basieren. Sie können helfen, Gefühle zu sortieren, Atemübungen anzuleiten oder Informationen zu psychischer Gesundheit bereitzustellen. KI kann auch als ergänzendes Tool zwischen Therapiesitzungen dienen. Sie kann helfen, Fortschritte zu tracken oder Erinnerungen für Selbstfürsorge-Routinen zu setzen.
Risiken der KI
Trotz der Chancen warnen Expert:innen eindringlich vor einer Überbewertung von KI in der psychischen Versorgung. KI kann keine Körpersprache lesen, keine klinischen Diagnosen stellen und in akuten Krisen oft nicht angemessen reagieren. In Studien wurden Fälle dokumentiert, in denen Chatbots negative Denkmuster verstärkten oder bei Suizidgedanken gleichgültig reagierten. Vor allem KI-Programme, die eine eigene Persönlichkeit und eine Freundschaft mit den User:innen vorgeben, können für junge Menschen gefährlich sein. In zahlreichen Erfahrungsberichten beschreiben Betroffene, wie sie ungesunde, fast abhängige Bindungen zu solchen personalisierten Chatbots entwickelt haben.
Warum KI keine Therapie ersetzen kann
Viele Nutzer:innen bleiben bei KI-Systemen, anstatt professionelle Hilfe zu suchen – obwohl die Systeme wirkungslos oder sogar schädlich sein und nachweislich Wahnvorstellungen verstärken können. Eine Stanford-Studie warnt: KI kann Bias und Stigmatisierung verstärken und Menschen davon abhalten, weitere Hilfe in Anspruch zu nehmen. Was man einem Chatbot anvertraut, unterliegt keiner Schweigepflicht. Viele Systeme sind nicht für therapeutische Zwecke entwickelt und es fehlen klare Regeln und Qualitätsstandards.
KI trägt unsere gesellschaftlichen Biases
Initiativen wie AI Empower, die sich mit KI-Ethik beschäftigen, weisen darauf hin: KI ist kein neutraler Spiegel. Sie trägt genau die Risiken und Biases in sich, die wir ohnehin schon in der Gesellschaft haben – von Geschlechterstereotypen bis zu rassistischen Mustern. Das bedeutet also: Wenn KI über psychische Gesundheit spricht, kann sie auch Vorurteile verstärken, falsche Diagnosen stellen oder bestimmte Gruppen benachteiligen. Gerade für marginalisierte Jugendliche bringt das ein hohse Risiko mit sich. Die UNESCO betont deshalb: KI-Systeme müssen transparent, fair und unter menschlicher Aufsicht entwickelt werden – besonders wenn sie mit vulnerablen Gruppen arbeiten.
Was junge Menschen wollen und brauchen
KI ist weder gut noch schlecht. Sie ist ein Werkzeug – und wie jedes Werkzeug kommt es darauf an, wie wir es nutzen. Für junge Menschen bedeutet das: KI soll eine ergänzende Unterstützung sein, kein Ersatz für Therapie oder menschliche Gespräche. Es ist wichtig kritisch zu hinterfragen, was KI sagt und immer zu prüfen, ob die Quellen vertrauenswürdig sind. Außerdem ist darauf zu achten Grenzen zu setzen und zu wissen, wann es Zeit ist, professionelle Hilfe zu suchen.
Junge Menschen wollen KI nicht nur nutzen, sondern sie auch verstehen. Die Mehrheit der Befragten in unserer Umfrage möchte wissen, wie KI funktioniert. Sie interessieren sich für die Auswirkungen auf die mentale Gesundheit. Sie wollen lernen, wie sie ihre Daten schützen und KI-generierte Fake-Inhalte erkennen können.
Genau hier setzten wir an. Wir wissen, dass KI ein wertvolles Tool sein kann – aber nur, wenn Menschen die Kompetenz haben, sie kritisch und selbstbestimmt zu nutzen. Es braucht digitale Resilienz, um sich vor Überforderung, Manipulation und falschen Informationen zu schützen. Und es braucht menschliche Verbindung, denn keine KI kann echte Empathie ersetzen.
Von September 2026 bis Juni 2027 führen wir deshalb ein Erasmus+ Projekt durch, wo es um AI-Literacy, kritisches Denken und Peer-Education geht – co-kreiert mit und für junge Erwachsene von 18 bis 25 Jahren, die im Zuge des Projekts ihre eigenen Kampagnen erstellen.
Du bist neugierig und möchtest mitmachen? Dann melde dich bei josephine@stabilimkopf.com

